Panel zum Thema »Kultur der Religionen«
Moderation
Anke Plättner, Redakteurin und Moderatorin der »Berliner Phoenix-Runde«
Es diskutierten
Prälat Dr. Karl Jüsten, Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe
Dr. Michel Friedman, Publizist und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland a. D.
Prof. Dr. Almut Sh. Bruckstein, Direktorin ha’atelier – werkstatt für philosophie und kunst, Jerusalem, Berlin
Prof. Dr. Christian Troll SJ, Honorarprofessor für Islam und christlich-muslimische Begegnungen
Diskutiert wurden u.a.
- Der Einfluss des Teilbereichs der Religion auf die anderen kulturellen Teilbereiche in Deutschland
- Die Bedeutung der von der Religion ausgehenden Riten für die Gesellschaft
- Der Beitrag der Religionen im intra- und interkulturellen Dialog
Prälat Dr. Karl Jüsten, Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe, eröffnete das Panel, das von
Anke Plättner, Moderatorin der politischen Talksendung »Berliner Phoenix-Runde« moderiert wurde, mit einem Impulsreferat Bezug nehmend auf die Debatte um den erweiterten Kulturbegriff. Er machte darauf aufmerksam, dass auch das Katholische Lehramt in seiner Sozialverkündigung von einem erweiterten Kulturbegriff ausgeht. »Der Kulturbegriff bezieht sich auf die gesamte Lebenswelt einer Gesellschaft, auf ihr Beziehungsgefüge von Werten, Institutionen und Tugenden«, so Prälat Jüsten.
Weiter führte er an, dass der Mensch am umfassendsten begriffen werden kann, »wenn er im Kontext seiner Kultur gesehen wird, das heißt, wie er sich durch Sprachen, die eigene Geschichte und Grundhaltungen in den entscheidenden Ereignissen des Lebens, in der Geburt, in der Liebe, ja im Tod, darstellt«. Im Kontext der Globalisierung und der damit verbundenen zunehmenden Migrationsströme kann im Verständnis eines erweit-
erten Kulturbegriffes Sorge getragen werden, dass sich die Konfrontation mit fremden Kulturen zu einem friedlichen Miteinander entwickelt.
Im Anschluss an das Impulsreferat wurde darüber diskutiert, ob ein ganzheitlicher Welt-
ethos existiert, der niemanden ausgrenzt. Für
Dr. Michel Friedman, ehemaliger Vize-
präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist, ausgehend von der Welt als Ganzes, die Vielfalt der Welt entscheidend: »Jeder der ‚Liebe’, ‚Gerechtigkeit’ und ‚Freiheit’ ausspricht, hat darunter andere Bilder. Wenn wir von Kulturen und von der Welt als Ganzes sprechen, so ist eigentlich die Schönheit der Vielfalt dieser Welt, dass man unterschiedliche Bilder hat. Ich habe keine Angst vor der Vielfalt des Menschen, sondern vor seiner Einfalt«, sagte Friedman. Anschließend stellte er eine ganz entscheidende Frage, inwieweit wir in der Lage sind, anzuerkennen, dass jeder Mensch aufgrund seiner eigenen Erfahrungen, Geschichte und Religion Begriffe wie Liebe, Gerechtigkeit und Freiheit unterschiedlich definiert. Daran schloss sich die dritte Bemerkungen von Michel Friedman zum Kulturbegriff an: »Kultur hat für mich immer etwas mit Hinterfragen zu tun, mit kritisch sein, mit modern sein, mit avantgardistisch sein, mit eben ‚Nicht-Anerkennen’ dessen, was anerkannt ist - jedenfalls ein Teil der Kultur und das geht diametral gegen Glauben.«
Im zweiten Teil der Diskussion stand die Frage im Mittelpunkt, inwieweit es eine Kultur gibt, die sich auf den Glauben bezieht und inwieweit diese anders sein muss als eine Kultur, die sich nicht auf einen Glauben bezieht.
Prof. Dr. Christian Troll SJ, Honorarprofessor für Islam und christlich-muslimische Begegnung, sieht den eigentlichen Gegensatz zwischen einem Kulturverständnis, das sich bewusst als nichtreligiös versteht, und einem Kulturverständnis, in dem man der Überzeugung ist, dass es Gott, »das Heilige, Undefinierbare« gibt. Ausgehend von Letzterem würden wir die Religionen als Verbündete in der Suche nach einer modernen, zukunftsfähigen und pluralistischen Kultur sehen. Es ist die große Herausforderung an alle Religionen, so Prof. Troll, innerhalb dieser modernen Gesellschaft, »eine überzeu-
gende Geistigkeit, einen überzeugenden Glauben, jeweils von den verschiedenen Wurzeln her zu entwickeln, so dass wir dann gemeinsam, im Dienste am Gemeinwohl des Menschen, multireligiös leben können.«
Prof. Dr. Almut Sh. Bruckstein, Direktorin ha’ atelier – werkstatt für philosophie und kunst, setzte sich unter anderem mit der Fragestellung auseinander, ob es überhaupt einen Gegenstand des Glaubens gibt. »Die Liaison zwischen den jüdischen und musli-
mischen Traditionen ist in Europa verloren gegangen. Das hat sich politisch auseinander divergiert. Man konzentriert sich auf ein neues christliches Europa.« Sie postulierte als Ziel, »eine Liaison der jüdisch/muslimischen kosmopolitischen Quellen« in Erinnerung zu rufen. »Die intrakulturelle Auseinandersetzung mit Europa erfordert eine Auseinander-
setzung mit muslimischen Quellen.«
Weiterhin wurde darüber debattiert, wer für ein kulturelles Leben sorgt. Sind es die Religionen, die verschiedenen Miteinander? Für Michel Friedman muss es möglich sein, dass wir eine langfristige Kultur als Alternative für Lebenskonzeptionen aufbauen, die sich von der Glaubensfrage abgekoppelt hat. »Glaube und Kultur sind zwar auch Synergieeffekte, aber sie sind auch immer Konkurrenzeffekte. Denn die Kultur hat eben auch die Wissenschaft - und die Wissenschaft hat nun einmal die Pflicht, alles zu hinterfragen, alles - inklusive Gott, inklusive dessen, was in der Bibel steht.« Doch für Christian Troll sind Zweifel »ein notwendiges Ingredienz für den Glauben. Wie kann ich glauben ohne zu zweifeln?«. CR|JA